“Venedig – Bedrohte Schönheit” in G/Geschichte

Foto Venedig-Text in G/Geschichte“Die Lagunenstadt ist in Gefahr. Hochwasser und Touristenmassen setzen ihr zu. Die Reaktionen darauf berühren Venedigs Identität. Deshalb wird leidenschaftlich gestritten – besonders über Kreuzfahrtschiffe, Symbol eines zerstörerischen Tourismus.”

Erschienen in: G/Geschichte, Ausgabe 9/2016.

Wege aus der Armut: Arbeiter im 19. Jahrhundert

Cover Kocka ArbeiterlebenDie Geschichte der Arbeiter und die Geschichte ihrer politischen und sozialen Bewegung haben in den letzten Jahren – im Unterschied zu den 1970er- und 1980er-Jahren – an öffentlicher Relevanz verloren. Überraschend eigentlich, ist doch Arbeit für die meisten Menschen ein entscheidender persönlicher Bezugsrahmen und der stete Wandel der Wirtschafts- und Arbeitsverhältnisse ein viel diskutiertes Thema, vom Dauerbrenner Strukturwandel im Ruhrgebiet bis zur Angst, die Digitalisierung könnte eine Vielzahl von Arbeitsplätzen vernichten und mithin eine neue Massenarbeitslosigkeit verursachen.

Vor diesem Hintergrund kommt Jürgen Kockas rund 500 Seiten starkes Werk „Arbeiterleben und Arbeiterkultur“, der dritte Band der Reihe „Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts“, gerade recht. Die Darstellung konzentriert sich auf die Geschichte der Arbeiter im Zeitraum zwischen etwa 1825 und 1875. Kocka untersucht für diese entscheidende Phase, in der sich die Fabrikarbeit gegenüber älteren Formen der Arbeit, etwa in heimischen Werkstätten, durchsetzte, nicht nur Lebensläufe von Arbeitern auf dem Lande, im Handwerk und der Stadt oder die räumliche Mobilität (groß) und sozialen Aufstiegsmöglichkeiten (eher klein). Er interessiert sich auch für die Kindeserziehung in Arbeiterfamilien, den Ausbau der Schulen und die Religiosität der Arbeiter und greift dabei unter anderem auf statistisches Material, auf Erinnerungen von Arbeitern und Reportagen bürgerlicher Beobachter zurück.

Besonders interessant sind aber vor allem jene Kapitel, die sich mit Formen der Armut beschäftigen. Denn die Verbindung von Arbeit und Armut war eng, aber nicht so eng, wie man im Rückblick meinen könnte. Die Arbeiterschaft sei zwar im Gegensatz zum Bürgertum dauernd von Armut bedroht gewesen, Selbst- und Fremdverständnis machten aber einen Unterschied zwischen absolut Armen und Arbeitern. Während die Armen am Rande der Gesellschaft existierten und zum Beispiel auf das Betteln angewiesen waren, konnten Arbeiter vom Lohn immerhin mehr schlecht als recht lebten, aus der Arbeit aber ihr Selbstverständnis und auch Selbstbewusstsein entwickeln. Auch die staatliche Sozialpolitik zielte im Großen und Ganzen auf die Arbeiter, von denen im Gegensatz zu den absolut Armen, die meist nicht mobilisierungsfähig waren, eine potentielle Gefahr für die Stabilität von Staat und bürgerlicher Gesellschaft ausgehen konnte.

Gleichfalls räumt Kocka, vor allem im Rückgriff auf sein bereits 1990 erschienenes Werk „Weder Stand noch Klasse. Unterschichten um 1800“ mit dem nach wie vor verbreiteten kapitalismuskritischen romantischen Mythos auf, erst der Kapitalismus habe die Unterschichten existenzbedrohender Armut ausgesetzt, während in der vormodernen ständischen Gesellschaft der Lebensstandard zwar nicht gerade üppig gewesen sei, jeder aber zumindest abgesichert fest in die soziale Struktur eingebunden gewesen sei. Nichts könnte falscher sein, schreibt Kocka und verweist nicht nur auf die vorindustriellen Hungerkrisen. Auch die Ursache für den Pauperismus sieht er, im Einklang mit der Forschung, in einem Zuwenig statt einem Zuviel an wirtschaftlicher und industrieller Entwicklung. Weil die traditionelle Wirtschaftsweise angesichts rasch wachsender Bevölkerung nicht genügend Arbeitsplätze bereitstellen konnte, wurde die Unterbeschäftigung für weite Teile der Bevölkerung existenzbedrohend. Erst der Kapitalismus und die Hochindustrialisierung erzeugten eine ausreichende Nachfrage nach Arbeit und erlaubten damit vielen Menschen, aus der absoluten Armut aufzusteigen.

Immer wieder kommt Kocka auch auf die Geschichte der Arbeiterbewegung zu sprechen, jedoch meist nur am Rande, konzentriert er sich doch explizit auf die Geschichte der Arbeiter. Ins Zentrum rücken will die Bewegungsgeschichte dann der im kommenden Jahr erscheinende vierte Band der Reihe „Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts“ von Jürgen Schmidt, der auch an Kockas Buch als Mitarbeiter beteiligt war. Zu wünschen wäre, dort zu erfahren, wie sich die soziale Lage der Arbeiter in eine politische Bewegung übersetzte, was deren Perspektiven und Blindstellen waren. Zusammen haben beide Bücher das Potential, eine entscheidende Phase des Wandels von Wirtschaft und Arbeit prägnant und umfassend zu beleuchten.

Jürgen Kocka: Arbeiterleben und Arbeiterkultur.
Die Entstehung einer sozialen Klasse. Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Band 3. Bonn 2015: Dietz.
512 Seiten, 68 Euro. ISBN: 978-3-8012-5040-9.

“Die Minutemen” in G/Geschichte

Artikel "Die Minutemen" in G/Geschichte“Einsatzbereit in 60 Sekunden. In den Schlachten von Lexington und Concord errangen die Rebellen einen überraschenden Sieg – der gleich zwei Legenden schuf: Paul Revere und die Minutemen kennt in Amerika seither jedes Kind.

Erschienen in G/Geschichte, Ausgabe 11/2015.